Istanbul Rising – Doku über die Proteste in der Türkei

CS-Gas olé“ war einer der populärsten Slogans der Proteste in Istanbul. Deutlicher kann man nicht ausdrücken, dass die Angst vor dem Staat dem Mut und der Solidarität gewichen ist.

Quelle: www.iab-ffm.de

Das ist eine der wichtigsten Lehren aus den Protesten in der Türkei, die übrigens noch nicht vorbei sind und eher als Volksaufstand zu bezeichnen sind. Die beiden Erfahrungsberichte von Teilnehmern der Demonstrationen und des Camps im Gezi-Park waren spannend und – ja das kann man sagen, bewegend. Wenn Menschen mit sehr verschiedenen Hintergründen zusammen kämpfen und erkennen, dass sie vielleicht mehr Gemeinsamkeiten haben und der Staat sie bisher gegeneinander gehetzt hat, wenn also zum Beispiel Anhänger von Kemal Atatürk sich für das Programm der kurdischen Partei interessieren und nachdem die Broschüren von der Polizei beschlagnahmt wurden, sie sich aus den Büros Kistenweise selbst abholen – das ist begeisternd. Wenn Türken, Kurden, Aleviten, Sunniten Schulter an Schulter kämpfen und sich explizit gegen die Spaltung wenden, dann wird zumindest für einen kurzen Moment die große Kraft der Solidarität der Bevölkerung spürbar, denn sie ist größer als die des unterdrückenden Staates.

Wenn 30.000 Fußball-Fans der sonst verfeindeten Vereine gemeinsam auf den Takism marschieren und die Polizeiangriffe abwehren, war das mit Sicherheit ein beeindruckendes Bild und eine Sortierung vor den Barrikaden, die der Polizei nicht geschmeckt haben dürfte.

Der Protest speist sich aus verschiedenen Quellen. Dabei wurden Frauenproteste gegen das geplante Verbot der Abtreibung, Proteste von Schwulen und Lesben gegen Diskriminierung, Jugendproteste gegen Kuss-Verbote (!), Proteste gegen Verdrängung in den Städten, gegen die zunehmende Armut der Arbeiter im informellen Sektor (kleine Restaurants, Geschäfte, etc.) und auch der Protest gegen die Rolle der Türkei als Kriegstreiber in Syrien genannt. Der überwiegende Teil der Demonstranten ist abhängig beschäftigt, die Gewerkschaften haben aber bisher keine zentrale Rolle gespielt. Eine wichtige Frage, die weiter diskutiert werden muss.

Der präsentierte Film beeindruckte durch seine Interviews mit Menschen, von denen nicht wenige zum ersten mal demonstriert haben und die standhaft und entschlossen waren, sich nun nicht mehr alles gefallen zu lassen. Ein junger Aktivist, der eine Barrikade schützte, blieb trotz dieser mitreißenden Stimmung realistisch. Es sei keine Revolution und der Straßenkampf sei auch kein Selbstzweck: „Wir sind hier und wir verteidigen uns – das ist alles.“ Diese bisher größte Bewegung in der Türkei seit dem Militärputsch 1981 hat nach anfänglichen Konflikten beschlossen, dass alle Symbole von Parteien und Organisationen respektiert werden müssen – mit einer Ausnahme: der faschistischen MHP-Partei. Für die organisierten Kräfte und für die bisher nicht organisierten Menschen sind schon die bisherigen Ereignisse ein Riesenschatz an Erfahrungen und Lernprozessen. Ein Teil formiert sich nun in Stadtteil-Räten und will den Prozess fortsetzen.

t26_RTX10JM8Die lebhafte Diskussion hat gezeigt, dass wir viel lernen können von den Kämpfen in der Türkei. Klar ist, dass wir weiterhin Solidarität organisieren müssen, denn die Repression gegen die protestierende Bevölkerung, gegen politische Gruppen, gegen Anwälte, Ärzte und Abgeordnete wird weiter gehen.

 

 

 

Das ist der Anfang, der Widerstand geht weiter

Hoch die internationale Solidarität